Abtreibungsgeschichte # 12: Eigentlich denke ich fast nie daran und ich hätte es wahrscheinlich irgendwann vergessen, aber es gibt einen Menschen der mich immer wieder dran denken lässt.

Meine Geschichte

Ich war mir ziemlich früh in meinem Leben sicher darüber, dass ich keine Kinder in die Welt setzen wollte. Am Anfang war dieser Gedanke eher bestimmt von dem Bedürfnis, sich gegenüber Geschlechterrollen, die sich damit zwangsweise verbanden, abzugrenzen. Ich fand auch diese ganzen körperlichen Veränderungen, die ich nicht hätte kontrollieren können immer eine unangenehme Vorstellung. Später verdichteten sich meine Beweggründe, die meine persönlichen Erfahrungen und die gesellschaftlichen Zuständen zu komplexen Gedanken vernetzten. Ich habe viel gekämpft und tue es noch immer, um in meinem Leben klarzukommen. Nicht dass ich eine besonders schwierige Kindheit, Jugend oder Erwachsenenleben gehabt hätte und habe, aber es sind so viele Dinge, die mich prägen, die ich abschütteln will, die ich nicht so machen will wie Andere, wie ich selber, wie meine Familie – Verhaltensweisen, Rollenbilder, Muster, diese strukturellen Dinge, die mich in den Wahnsinn treiben, wenn ich sie einmal durchschaut habe. Das ständige Messen an den eigenen Ansprüchen, geformt aus viel theoretischem Wissen, aber auch Ausprobieren, Diskussionen mit Freund*innen, positive aber auch viele negative Erfahrungen in politischen Gruppen und dem sozialen Umfeld, sind für mich wichtig, auch um zu wissen, wo ich stehe. Mit all diesen Gedanken und der alltäglichen Realität, in der wir leben, wollte ich keine Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen, das mit genau all diesen Dingen kämpfen muss. Es ist schwer für mich all diese Widersprüche, in denen ich lebe, auszuhalten. Ich wurde nie gefragt, auf dieser Welt zu sein, aber alle wissen besser, wie ich sein soll. Das möchte ich nicht gegenüber einem Menschen verantworten wollen. Weiterlesen

Abtreibungsgeschichte #11: Ich wurde ungewollt, aber dennoch provoziert schwanger.

Mein Abbruch (mir gefällt der Begriff besser als Abtreibung) liegt 3 Jahre zurück. Im März 2017 wurde ich ungewollt, aber dennoch provoziert schwanger. Ich hatte Anfang 2017 meine Pille abgesetzt und war auf dem tripp, auf natürliche Weise verhüten zu wollen. Ich wusste aber nicht, dass das so schnell schief gehen kann.

Mein Freund (Heute mein Mann) und ich hatten erst mit Kondom Sex, ich empfand es aber als sehr unangenehm und war nach mehreren Malen der Überzeugung zu wissen, wie mein Zyklus rhythmisiert ist und schlug vor, es ohne Kondom zu versuchen. Er willigte ein. Ein paar Tage darauf hatte ich morgens nach dem Aufstehen ein seltsames Gefühl. Ich wusste, ich hätte meine Tage um diese Zeit etwa kriegen müssen. Aber meine Brüste taten weh. Mein Unterbauch war straff und hart. Eine Kollegin hatte Tage zuvor von genau diesen Symptomen erzählt und kurz darauf bestätigt bekommen endlich schwanger zu sein. Hätte sie nichts erzählt, wäre ich nicht direkt alarmiert gewesen. Weiterlesen

Abtreibungsgeschichte #10: Schwangerschaftskonfliktberatung?

Das Kollektiv KINOKAS aka das queer-feministische Mellie Pink Ensemble hat im Dokumentarfilmprojekt „Interruptio“ (Arbeitstitel) die Debatte um Paragraphen 218 und 219a als Ausgangspunkt genommen und sich mit dem Thema reproduktiver Rechte und Gerechtigkeit im heutigen Deutschland auseinandergesetzt. Hier erfahrt ihr mehr darüber.

Die Voicemail, die wir hier hören, wurde von einer Person während ihrer ungewollten Schwangerschaft aufgenommen, die für das neue Filmprojekt des Kollektivs interviewt wurde. 

(Ihr müsstet den Ton etwas lauter drehen)

Online-Vortrag “Incels” von Veronika Kracher

Was ist eine „Stacy”? Und ein „Chad”? Was bedeuten Begriffe wie „Roastie”, „blackpill”, „Wristcel”, „looksmaxing” und „Femoid”?

Es handelt sich hier um den Code der sogenannten Incel-Subkultur, ein misogyner Online-Todeskult, der seit 2018 in den Blick der Öffentlichkeit geraten ist. „Incel” ist die Kurzform für „Involuntary Celibate”- unfreiwillig im Zölibat lebende. Denn dieses jedoch nur scheinbar unfreiwillige Zölibat konstituiert die komplette Identität dieser frustrierten jungen Männer.

Im April 2018 fuhr der Kanadier Alek Minassian mit dem Auto in eine Menschenmenge, um Rache dafür zu nehmen, dass er immer noch keinen Sex gehabt hatte. Sein Vorbild war Elliot Rodger, Held der Incels, der 2014 sechs Menschen tötete, 13 weitere verletzte, und ein über hundert Seiten langes Manifest hinterließ, das zum Manifest der Incel-Bewegung wurde.

Frauen würden einem Sex schulden, und müssen dafür bestraft werden, dass sie diesen verweigern, so der Tenor. Dass Frauenhass, Antisemitismus, Rassismus und die selbstgefällige Anspruchshaltung, man hätte allein seines Geschlechts wegen schon Sex verdient, Schuld daran tragen, dass die sich in der Alt-Right verortenden Incels in der Partnerinnenwahl versagen, wird vehement geleugnet.
Denn so wie man Frauen hasst, hasst man als Incel auch sich selbst: Incels hängen dem fatalistischen Glauben an, sie seien aufgrund der eigenen Hässlichkeit ohnehin determiniert, für immer ein Dasein als ungeliebter Einzelgänger zu fristen – Frauen seien schließlich alles oberflächliche Schlampen. Denn es gibt kaum etwas was der Incel mehr verabscheut als selbstbestimmte weibliche Sexualität.
Als Ventil für den eigenen Frust scheint das Internet. In Foren tauscht man sich mit Gleichgesinnten über die Verkommenheit von als „Femoids” dehumanisierten Frauen aus, ergießt sich in Vergewaltigungs- und Mordfantasien, und bestätigt sich gegenseitig, dass man Abschaum sei, denn: Selbst- als auch Frauenhass bestimmen das komplette Dasein der Incels.

Diese permanente, aber nur vermeintliche Kränkung ist dem Incel untragbar, und muss so ihre Wiedergutmachung im Terror gegen Frauen finden , wie Männer wie Rodger, Minassian, oder Scott P. Beierle beweisen.
Doch Incels sind keine „schwarzen Schafe”, sondern ihre Ideologie ist in patriarchalen Verhältnissen verwurzelt: der Glaube auf das Recht auf den weiblichen Leib, als auch die Abwertung von Frauen und deren selbstbestimmter weiblicher Sexualität sind auch außerhalb von Incel-Foren hinaus weit verbreitet.

Die Journalistin Veronika Kracher (Jungle World, Konkret) beschäftigt sich seit ungefähr einem Jahr intensiv mit der Incel-Subkultur. In diesem Vortrag wird sie anhand sozialpsychologischer Analysen, als auch hermeneutischer Textarbeit, die Ideologie der wohl toxischsten aller männerbündischen Gruppen analysieren und erklären.

Content Warning: In dem Vortrag werden Misogynie und sexuelle Gewalt (auch gegen Kinder), Femizide, als auch Rassismus, Antisemitismus, Homo- und Transfeindlichkeit behandelt.

Der Link zum Livestream folgt in Kürze.

Abtreibungsgeschichte #9: Die Uhr tickt

Die Uhr tickt.
War heute arbeiten. Meine Periode blieb aus. Habe schlecht geschlafen.
Bin auf dem Weg zur Arbeit bei der Apotheke vorbeigefahren,
nahm mir dort einen Schwangerschaftstest mit.
Hab den Test in der Mittagspause gemacht.
Er ist positiv.

Die Uhr tickt.
Meine Gedanken rasen, wem soll ich es sagen? Kann ich es überhaupt
wagen?
Mein Arbeitskollege fragt, ob alles gut sei.
Ich nicke, lächle und tue so als wäre nichts.

Die Uhr tickt.
Endlich fertig mit der Arbeit, gehe heim.
Zu Hause angekommen bin ich alleine, stelle mir tausend Fragen;
Kann ich mir ein Kind leisten?
Möchte ich ein Kind und wie wird sich mein Leben dadurch verändern?
Wird mich mein Umfeld unterstützen?
Wie wird der Vater des Kindes reagieren?
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Abtreibungsgeschichte #8: Karl-Uwe

Hier ist meine Geschichte. Ich lebe, und ich lebe gut mit ihr! :)
Ich habe schon ein Kind. Meine erste Schwangerschaft habe ich als nicht schön empfunden. Ich fühlte mich seitens Ärzte und Familie entmündigt und auf einen reinen Geburtskanal reduziert. Ich habe in meinem Leben Missbrauchserfahrung gemacht und tue mich sowieso schwer mit Gyn-Besuchen. Als Mensch von ärztlicher Seite auf die Schwangerschaft reduziert zu werden fühlte sich schrecklich an. Hinzu kam, dass ich bis in den 8. Monat mich täglich übergeben musste und seitens der damaligen Frauenärztin ein joviales “da müssen Sie wohl durch” bekam, anstatt Hilfe. Die ersten Babyjahre mit meinem Sohn waren ein ambivalentes Jonglieren zwischen tiefer Depression und Einsamkeit bei gleichzeitig brennender Liebe und massiven Schuldgefühlen gegenüber meinem Sohn.
Als ich 2009 ungewollt schwanger wurde, war mein Sohn schon elf Jahre alt. Ich hatte eine Scheidung hinter mir und einen neuen Partner, der mitten in seinem Studium steckte. Ich selber befand mich grade in einer depressiven Episode, war aber eigentlich grundsätzlich mit meinem momentanen Leben ganz glücklich. Meine Schwangerschaft entdeckte ich sofort bei Ausbleiben der Regel am ersten Tag und ich wusste ziemlich gleich: Ich will nicht wieder bei Null anfangen! Mein Partner signalisierte mir, dass er hinter jeder Entscheidung stünde und den Weg mit mir zusammen geht, wo auch immer ich hin will. Wir weinten viel. Alle beide. Weiterlesen

Abtreibungsgeschichte #7: Ich bin sonst wirklich gut strukturiert und organisiert, aber hier war ich echt unter Druck.

my choice.
Wie es vor fast 10 Jahren dazu kam, ist erst einmal egal, die Geschichte ist auch zu absurd. Wichtig ist nur, ich wollte diese Schwangerschaft nicht, habe sie befürchtet und mir sofort Tests gekauft. Am erstmöglichen Tag (nach zwei unerträglichen Wochen) hab ich direkt zwei Tests parallel durchgeführt, beide bestätigten meine Befürchtung und ich begann meine Internetrecherche. Klar hatte ich mich mit dem Thema der Schwangerschaftsunterbrechung beschäftigt, aber ich selbst? Jetzt betroffen? Mega peinlich!
Kinder ja, aber nicht diese Schwangerschaft.
Nachdem ich auf unzählige gruselige Websites von Abtreibungsgegner*innen stieß und dort teils amüsiert, teils erschüttert herumstöberte, stellten sich für mich dramatische Erkenntnisse in den Vordergrund

1.) die nächsten Wochen müssen wahnsinnig gut organisiert werden: Termin Gyn erst in Woche 7(!!!!!!!!) möglich, Termin Beratungsstelle besorgen, dann wieder warten, Gyn finden für Abbruch, Methode besprechen, Kostenzusage der Krankenkasse besorgen, Abbruch durchführen – nur 4 Wochen Zeit quasi – nebenbei Abschlussarbeit schreiben. Aber hey, no pressure! Weiterlesen