Abtreibungsgeschichte #14

meine abtreibung liegt mittlerweile 16 jahre zurück, nun bin ich ein
zweites mal und dieses mal gewollt schwanger.
ich habe viele jahre unbewusst, irgendwann auch bewusst gestruggelt mit
dieser erfahrung und seit vielleicht 2 oder 3 jahren fühle ich mich „frei“ von
vorher manchmal überwältigenden emotionen, die meine erinnerungen
begleitet hatten.

ich denke, ein offenerer, supportender umgang meines damaligen umfelds,
mehr zugang zu wertfreier information, größere sichtbarkeit von
feministischen inhalten hätten einigen schmerz verhindern können.
ich war neunzehn, löste mich gerade aus einer gewaltvollen romantischen
beziehung, betäubte meinen schmerz und meine neugier mit partys.
der übergriffige ex/partner fühlte sich aufgrund seiner beteiligung an
dem dilemma berechtigt, mich erheblichst zu drangsalieren für meine
entscheidung abzutreiben.
mit der entscheidung mich zu trennen, verlor ich auch gleich noch einen
beachtlichen teil des freund:innenkreises, familiärer support war nach
jahren massiver auseinandersetzungen unvorstellbar für mich. bei
gynäkologe und beratungsstelle fühlte ich mich mit meinem sofortigen
wunsch nach abbruch professionell aufgehoben.
im krankenhaus hingegen (einer uniklinik wohlgemerkt) sah es dann etwas
anders aus. zuerst wurde mein notfallkontakt (dieser ist ausschließlich
bei komplikationen nach oder während des eingriffs zu kontaktieren) über
die bevorstehende operation informiert. somit wusste mein vater ohne
meine einwilligung auf einmal von der schwangerschaft und dem
bevorstehenden eingriff.
am tag der op wurde mir ein bett in einem zimmer mit zwei weiteren
frauen* zugewiesen, wobei die krankenschwester nicht darauf verzichtete,
mich über nationale herkunft und angaben zu aktueller abbruchhäufigkeit
der anderen frauen aufzuklären, ich nehme an zur vermeintlichen
abschreckung. (dass rassismus und klassismus nach wie vor weit
verbreitet sind ist kein geheimnis, mein 19jähriges verunsichertes ich
hat das ganze ziemlich unangenehm berührt, die angst vor dem eingriff
und die empfundene abhängigkeit von der gunst des krankenhauspersonals
mich leider auch gelähmt)
vor der op wurde ich dann, schon leicht dämmrig von dem
beruhigungsmittel, welches vor der eigentlichen narkose gegeben wird, auf
dem weg zum operationssaal in einen raum gebracht und dort alleine mit
einer weiteren person (ob ärzt:in oder krankenschwester weiß ich heute
nicht mehr) im bett liegen lassen. jedoch nicht ganz allein, sondern mit
einem durchgehend laufenden ultraschall, auf dem der recht weit
entwickelte fötus – gut sichtbare herzbewegung und die wirbelsäule haben
sich in mein gedächtnis eingebrannt – zu sehen war. abgerundet wurde das
ganze mit der erneuten nachfrage, ob ich diesen eingriff wirklich
verantworten möchte. ja, mochte ich. und so brachte ich das ganze hinter
mich. danach holte mich eine freundin ab und ich verbrachte noch einige
schmerzhafte tage auf dem küchenboden, der noch geteilten wohnung mit dem
abgefuckten ex/partner.

ich bin der meinung, dass so ziemlich alles besser, angenehmer und
schöner hätte ablaufen können und auch, dass meine unendliche traurigkeit
danach die diffuse scham ob meiner entscheidung verhindert oder
zumindest aufgefangen hätten werden können. immer stand und stehe ich
hinter dieser entscheidung! hätte ich nur von all den anderen
verbündeten und betroffenen gewusst, hätte ich wahrscheinlich aber
weniger schwer daran zu tragen gehabt. ich wünsche mir, dass wir es
vielen anderen menschen, vor allem betroffenen, ermöglichen werden,
abtreibungen aus anderen persepktiven wahrzunehmen als bspw. den von mir
beschriebenen!
deshalb, spread the word! seid solidarisch, nicht nur theoretisch!