Abtreibungsgeschichte #13: Entscheidet für euch selbst

Hallo!
In den nächsten Zeilen möchte ich euch teilhaben lassen an meinen Erfahrungen und meiner ganz persönlichen Geschichte zum Thema Abtreibung, in der Hoffnung, anderen Menschen Mut zu machen und etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen.

Ich bin eine 28-jährige angehende Lehrerin aus Niederbayern. Vor knapp 5 Jahren, im Oktober 2015, habe ich meine ungewollte Schwangerschaft beendet. Ich bin frisch aus meinem Auslandsaufenthalt gekommen und habe sofort meinen Freund in meiner Heimatstadt kennengelernt. Damals waren wir gerade einmal zwei Monate zusammen, als ich erfahren habe, dass ich von ihm schwanger bin. Ich erinnere mich an diesen Morgen, als wäre es gestern gewesen. Ich war zu Besuch bei meiner Mutter. Sie war in der Arbeit und ich hatte deswegen meine Ruhe. Da ich bereits seit einigen Tagen ziemlich starke Anzeichen für eine Schwangerschaft hatte, habe ich mir das billige Testdoppelpack aus dem DM gekauft. Ich hatte seit Tagen mit Brustschmerzen, schlechter Laune und einem wahnsinnig empfindlichen Magen und Geruchssinn zu kämpfen. Ich war seit Jahren absoluter Kaffeejunkie, wenn ich zu der Zeit aber bloß den kleinsten Kaffeegeruch vernahm, musste ich mich fast übergeben. Ich verstehe auch nicht, wie es schwangere Raucherinnen geben kann. Ich selbst habe leider ebenfalls diese schlechte Angewohnheit, konnte mich zu dieser Zeit aber nicht mal mehr nur in die Nähe einer angezündeten Zigarette begeben, da ich mich ebenfalls jedes Mal fast übergeben musste. Da ich auch einen eher schlechten Zyklus habe und das Ausbleiben meiner Periode keine Seltenheit ist, habe ich mich über dieses Ausbleiben nicht gewundert. Verhütet haben wir in der Anfangszeit nur mit Kondomen. Dabei ist anscheinend etwas schief gelaufen. Der Test bestätigte meine Vermutung, der zweite Test ebenfalls. In diesem Moment schoss mir das Adrenalin in meine Blutbahn und ich war erstaunlich klar im Kopf. Mein erster Gedanke war: “Ich werde dieses Kind nicht austragen!! Ich will dieses Kind nicht! Ich will diese Schwangerschaft nicht!”

Ich war damals 23 Jahre alt, hatte gerade mit meinem Studium begonnen, wollte dafür eventuell noch nach Berlin ziehen und ein Auslandssemester machen, mein Freund und ich waren zu dem Zeitpunkt, wie gesagt, gerade erst zusammengekommen, ich hatte weder finanziell noch emotional die Ressourcen für ein Kind und außerdem wusste ich nicht, ob ich überhaupt mal Mutter sein möchte. Die Option das Kind auszutragen und dann wegzugeben fiel absolut weg. Alleine schon, weil ich keine Schwangerschaft durchmachen müssen wollte und auch, weil ich in meinem engsten Freundeskreis miterlebt habe, was fehlende Liebe zwischen Mutter und Kind verursachen kann. Also habe ich meine damalige Frauenärztin angerufen und noch für den selbigen Tag einen Termin bekommen. Ich war lange Zeit bei dieser Frauenärztin Patientin. Was allerdings während diesem Untersuchungstermin passierte, änderte meine Meinung über sie und ihr Team blitzartig. Ich wartete also im Wartezimmer auf das Ergebnis des Tests und wurde schließlich in das Untersuchungszimmer gebeten. Dort wurde ich mit einem freudigen “Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ja das beste Alter für eine Schwangerschaft!””, einem Handschlag und einem Lächeln über das ganze Gesicht empfangen. Als sie meine Reaktion, die nicht unbedingt Freude vermittelte, sah, änderte auch sie ihr Verhalten. Meine rhetorische Frage an dieser Stelle: den Ärzten wird doch vermittelt, um was es bei den Patienten geht? Ich habe angerufen und klipp und klar deutlich gemacht, dass ich UNGEWOLLT schwanger bin und deshalb einen Notuntersuchungstermin brauche… Abschließend wurde mir dann noch gegen meinen Willen das Ultraschallbild gezeigt. Schließlich war diese Untersuchung überstanden, ich hatte den Überweisungsschein für eine Beratungsstelle in der Hand und wusste, dass ich in der 5. SSW war. Das war das letzte Mal, dass ich zu dieser Ärztin gegangen bin. Ich habe die ganze Situation sehr gut gemeistert. Als ich jedoch auf dem Parkplatz dieser Praxis stand, brach ich
in Tränen aus und musste mir erstmal vor Augen führen, was da drinnen gerade passiert ist. Ich habe die Ärztin für dieses Verhalten nie belangt.

Der Beratungstermin bei Pro Familia lief reibungslos ab. Ich saß diesem Mann gegenüber und erklärte ihm ziemlich genau, weshalb ich das Kind nicht will und dass ich mir zu 100% sicher bin. Nach wenigen Minuten erhielt ich den Beratungsschein und machte mir einen Termin bei dem Arzt aus, der den Abbruch durchführen sollte.
Dieser Arzt war jahrelang der Frauenarzt meiner Mutter und anfangs auch von mir, er brachte meinen jüngeren Bruder zur Welt und kannte mich und meine Mutter persönlich. Er ging in Pension und machte aus idealistischen Gründen nur noch mit den Schwangerschaftsabbrüchen weiter. Als einziger Arzt in näherer Umgebung. Die Tatsache, dass wir uns persönlich kannten, machte die Situation nicht unbedingt angenehmer. Dennoch verlief das Beratungsgespräch und alles Weitere reibungslos und schnell.
Danach offenbarte sich allerdings die nächste Hürde: Ich erfuhr, dass ich – aus welchen Gründen auch immer – nicht krankenversichert war. Ich hatte mir davor noch keine Gedanken darüber gemacht, immerhin ist man, solange man nicht schon berufstätig ist, bis zum 25. Lebensjahr familienmitversichert. Dies wurde durch meinen Auslandsaufenthalt jedoch anscheinend aufgelöst und ich war also unwissend nicht versichert, als ich den Eingriff durchführen lassen musste. In Panik bin ich zur AOK und habe mich dort beraten lassen. Das Ende vom Lied war, dass ich dreimal so viel für eine überteuerte, nachträgliche Versicherung gezahlt habe, als der Eingriff gekostet hätte, wenn ich ihn komplett aus eigener Tasche gezahlt hätte. Ich habe der Dame am Schalter meine prekäre Situation erklärt und sie hat anscheinend ein leichtes Opfer in mir gesehen. Schade, dass auch in solchen Momenten bei manchen Personen nur das Geld zählt.

Trotz der beiden genannten eher negativen Erfahrungen habe ich den Eingriff selbst und die Konsequenzen daraus sehr gut verkraftet. Auch die einmonatigen Nachblutungen und die eigenen Vorwürfe und auch die Scham. Ich habe mich zeitweise wie eine dumme 15-Jährige gefühlt, die das erste Mal Sex hatte und sich von ihrem infantilen Drogendealerfreund schwängern lässt. Entschuldigt bitte diese Beschreibung, aber das waren nun mal 1zu1 meine Gedanken, auch wenn ich es als Lehrerin natürlich besser wissen sollte. Besser wurden diese Gedanken durch Recherche im Internet und der Einsicht, dass das jeder Frau passieren kann.

Ich habe das alles alleine durchgemacht, nur eine gute Freundin wusste bescheid. Meinem Freund, mit dem ich heute immernoch zusammen bin, habe ich erst ein Jahr später davon erzählt. Ironischerweise hat er mich zwei Wochen nach dem Eingriff darauf angesprochen, dass er, im Falle einer ungewollten Schwangerschaft, gerne hätte, dass ich das Kind nicht austrage und wie ich dazu stehe. Ich musste nur grinsen und versicherte ihm, dass er sich da keine Sorgen machen brauche. Meine Mutter hat es ebenfalls erst viel später erfahren. Das Geheimhalten vor sämtlichen Personen war damals sehr wichtig für mich. Ich hatte ab der ersten Sekunde meinen Beschluss gefasst, dass ich diese Schwangerschaft so schnell wie möglich wieder los sein möchte. Und jede Person, die davon wusste, hätte ein potenzieller Störfaktor sein können. Ich habe mir zu der Zeit sehr die Unterstützung meines Freundes gewünscht, dass er abends einfach seine Hand auf meinen Bauch legt und ein einfaches “wir stehen das zusammen durch” verlauten lässt. Ich kannte ihn zu der Zeit aber noch nicht gut genug und die Gefahr war groß, dass er anderer Meinung war als ich. Ich brauchte meine gesamte Energie für mich selbst und musste jede Art von Einmischung und Wiederstand vermeiden.

Die Horrorgeschichten über psychische Probleme nach Abtreibungen kann ich persönlich nicht nachvollziehen und halte viele davon wohl eher für Propagandawerk von Abtreibungsgegnern. Dennoch ist das etwas, das keiner Frau komplett egal sein dürfte. Ich habe mich hin und wieder auch bei dem Gedanken ertappt, wie das Kind jetzt wohl aussehen würde. Ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden wäre. Vor allem auch, weil die Beziehung zu dem fast-Vater dieses Kindes immernoch ein fester Teil meines Lebens ist, ich diesen Menschen aus ganzem Herzen liebe und der Gedanke, irgendwann vielleicht doch mal eine Familie mit ihm zu gründen nicht mehr ganz so abwegig erscheint. Aber diese Gedanken sind okay und sie gehören mit dazu. Genau wie diese Erfahrung und diese Entscheidung jetzt zu mir gehören. Dennoch kam mir kein einziges Mal der Gedanke, dass es ein Fehler war. Im Gegenteil. Mein Freund hat mich letztens gefragt, wie alt unser Kind nun schon wäre. Ich meinte knapp 4. Wir haben uns angesehen und waren einstimmig froh darüber, dass wir nur zu zweit sind. Ich sehe mich nicht als Mörderin oder Ähnliches. Ich sehe mich als junge Frau, die eine wichtige Entscheidung für sich selbst getroffen hat. Als eine Frau, die sich über eine Schwangerschaft freuen will und das Kind nicht deshalb austrägt und das alles erträgt, weil sie sonst keine Möglichkeiten hat oder weil es so von ihr erwartet wird. Und ich sehe mich als Lehrkraft, die eine wichtige Erfahrung gemacht hat und die damit in Zukunft vielen jungen Mädchen in schwierigen Situationen zur Seite stehen kann.

Ich möchte an dieser Stelle noch einen wichtigen Tip an alle Betroffenen richten:
An der ganzen Situation war die Entscheidung, das alles geheim zu halten und nur mit mir selbst auszumachen, die wichtigste Entscheidung und auch der Grund, weswegen ich heute ein reines Gewissen habe. Solltet ihr gerade auch in so einer Situation sein, seid ihr nicht verpflichtet das eurem Partner oder sonst jemandem zu erzählen. Das ist eine sehr empfindliche Ausnahmesituation, in der es nur um einen selbst geht. Und NUR UM EINEN SELBST. Nicht um die Meinungen und Überzeugungen der Familie und Freunde und auch nicht um den Wunsch des Partners oder Erzeugers. Das ist tatsächlich eine der wenigen Situationen, in denen Männer absolut nicht mitreden können und auch Frauen, die soetwas selbst noch nie durchmachen mussten, meistens nicht angemessen reagieren können. Hebt euch eure Energie und Kraft für euch selbst auf und verschwendet sie nicht an Diskussionen mit Unwissenden. Hebt euch all das entweder für den Weg des Abbruchs oder für den Weg mit Kind auf. Egal für was ihr euch entscheidet, tut es für euch selbst.