Abtreibungsgeschichte # 12: Eigentlich denke ich fast nie daran und ich hätte es wahrscheinlich irgendwann vergessen, aber es gibt einen Menschen der mich immer wieder dran denken lässt.

Meine Geschichte

Ich war mir ziemlich früh in meinem Leben sicher darüber, dass ich keine Kinder in die Welt setzen wollte. Am Anfang war dieser Gedanke eher bestimmt von dem Bedürfnis, sich gegenüber Geschlechterrollen, die sich damit zwangsweise verbanden, abzugrenzen. Ich fand auch diese ganzen körperlichen Veränderungen, die ich nicht hätte kontrollieren können immer eine unangenehme Vorstellung. Später verdichteten sich meine Beweggründe, die meine persönlichen Erfahrungen und die gesellschaftlichen Zuständen zu komplexen Gedanken vernetzten. Ich habe viel gekämpft und tue es noch immer, um in meinem Leben klarzukommen. Nicht dass ich eine besonders schwierige Kindheit, Jugend oder Erwachsenenleben gehabt hätte und habe, aber es sind so viele Dinge, die mich prägen, die ich abschütteln will, die ich nicht so machen will wie Andere, wie ich selber, wie meine Familie – Verhaltensweisen, Rollenbilder, Muster, diese strukturellen Dinge, die mich in den Wahnsinn treiben, wenn ich sie einmal durchschaut habe. Das ständige Messen an den eigenen Ansprüchen, geformt aus viel theoretischem Wissen, aber auch Ausprobieren, Diskussionen mit Freund*innen, positive aber auch viele negative Erfahrungen in politischen Gruppen und dem sozialen Umfeld, sind für mich wichtig, auch um zu wissen, wo ich stehe. Mit all diesen Gedanken und der alltäglichen Realität, in der wir leben, wollte ich keine Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen, das mit genau all diesen Dingen kämpfen muss. Es ist schwer für mich all diese Widersprüche, in denen ich lebe, auszuhalten. Ich wurde nie gefragt, auf dieser Welt zu sein, aber alle wissen besser, wie ich sein soll. Das möchte ich nicht gegenüber einem Menschen verantworten wollen.

Als ich 23 war, bin ich ungewollt schwanger geworden. Es ist mir bis heute unangenehm, dass ich so lange ungeschützten Sex hatte. Es musste ja mal passieren. Ich bin immer noch erstaunt darüber, wie naiv ich war. Obwohl ich mich mit vielen politischen Themen schon seit Jahren beschäftigt hatte, gab es keinen Raum,um über Sexualität zu sprechen. Ich war so unsicher und hatte keine Worte, um über meine eigenen Bedürfnisse zu sprechen. Ich finde es so toll, wieviele Bücher, Veranstaltungen, digitale und analoge Räume es heute vor allem für junge Menschen dafür gibt. Klar war ich emotional als ich wußte, dass ich schwanger war, es hat mich genervt, ich war verärgert über mich selber, genervt von meinem Partner, das kurze Durchspielen was wäre wenn, aber die Entscheidung war klar.

Die Abtreibung war unproblematisch. Die Gynäkologin hat mir einen Arzt empfohlen. Ich habe einen Termin ausgemacht. Ich war vorher noch in der Beratung, um den Schein zu bekommen. Das Ganze war ein medizinischer Eingriff – ambulant. Beim Aufwachen gabs einen Tee und einen Keks für den Kreislauf, das wars, einen schönen Tag. Ich war froh, dass es so unkompliziert war. Keine dramatischen Gespräche, kein Druck, keine Kommentare. Es war eine klare Entscheidung. Es haben auch nicht viele Menschen gewusst. Meine Mitbewohner*innen und mein Partner.

Eigentlich denke ich fast nie daran und ich hätte es wahrscheinlich irgendwann vergessen, aber es gibt einen Menschen, der mich immer wieder dran denken lässt.
Ich glaube, ich war 21, wir saßen mit meiner Familie und Freund*innen zusammen und das Kinderthema kam mal wieder auf. Ich erzählte, dass ich keine Kinder haben werde. Meine Mom hat damals geweint und alle Anderen haben versucht, mir zu erzählen, dass ich das doch jetzt noch nicht entscheiden könnte. Ich hab ihr nicht von der Abtreibung erzählt, da ich sie nicht verletzten wollte. Unser Verhältnis ist schwierig, wir mögen uns, aber sind doch oft immer wieder von einander enttäuscht. Um die Situation mit den Enkelkindern für sich aufzulösen, hat meine Mom sich entschieden, eine Leihoma zu werden und Kinder glücklich zu machen, die keine Omas haben. Ich fand das wunderbar und hab mich sehr gefreut für sie und auch für mich, da es mir den Druck genommen hat. Vor zwei Jahren hat mein Bruder ein Kind bekommen und nun hat sie endlich ihr Enkelkind. Ich denke, sie ist sehr glücklich. Sie kann weiter Weihnachtszauber machen, Ostereier verstecken und Kinderaugen zum Leuchten bringen. Ich hab trotzdem das Gefühl, dass es zwischen uns steht, diese Sache mit dem Enkelkind. Es macht mich manchmal wütend, dass Menschen sich etwas von anderen Menschen wünschen, was aber so lebenseinschneidend und verändernd ist. Meine Mom hat seit damals eigentlich nie mehr wirklich danach gefragt, nur mein Vater wollte es nie glauben, er meinte erst letztes Jahr zu mir, dass er einfach immer noch hofft. Naja das ist ein bisschen absurd. Ich bin jetzt 39 und hab letztens schon gedacht, dass ich vielleicht bald meine Wechseljahre bekomme, da meine Regel so unregelmässig kommt. Dann hat sich das Thema endgültig erledigt.

Ich mag Kinder, sie sind zauberhafte Wesen und ich habe bereits mit verschiedenen zusammen gelebt. Aber es gibt einfach so viele Kinder und auch große Menschen auf der Welt, die keine*n haben, der sich um sie kümmert, vielleicht können wir uns um diese kümmern, bevor wir uns mit/durch eigene Kinder selbstverwirklichen wollen.

Ich wünsche mir einen radikaleren Kampf für die Abschaffung des §218. Lasst uns an die Kämpfe unserer Schwestern anknüpfen und nicht zurückgehen in unseren Forderungen. Alle Menschen sollen das Recht auf Abtreibung haben.
Ich wünsche mir mehr Aufklärung, die eigene Bedürfnisse in den Fokus stellt und nicht gendernormativ und reproduktionsorientiert ist. Lasst uns üben, uns nicht zu schämen, sondern offen zu sprechen.
Ich wünsche mir Gelassenheit im Umgang mit dem Thema Abtreibung und Offenheit, dass alle Menschen ihre Entscheidung zu dem Thema finden können, ohne verurteilt zu werden.