Abtreibungsgeschichte #11: Ich wurde ungewollt, aber dennoch provoziert schwanger.

Mein Abbruch (mir gefällt der Begriff besser als Abtreibung) liegt 3 Jahre zurück. Im März 2017 wurde ich ungewollt, aber dennoch provoziert schwanger. Ich hatte Anfang 2017 meine Pille abgesetzt und war auf dem tripp, auf natürliche Weise verhüten zu wollen. Ich wusste aber nicht, dass das so schnell schief gehen kann.

Mein Freund (Heute mein Mann) und ich hatten erst mit Kondom Sex, ich empfand es aber als sehr unangenehm und war nach mehreren Malen der Überzeugung zu wissen, wie mein Zyklus rhythmisiert ist und schlug vor, es ohne Kondom zu versuchen. Er willigte ein. Ein paar Tage darauf hatte ich morgens nach dem Aufstehen ein seltsames Gefühl. Ich wusste, ich hätte meine Tage um diese Zeit etwa kriegen müssen. Aber meine Brüste taten weh. Mein Unterbauch war straff und hart. Eine Kollegin hatte Tage zuvor von genau diesen Symptomen erzählt und kurz darauf bestätigt bekommen endlich schwanger zu sein. Hätte sie nichts erzählt, wäre ich nicht direkt alarmiert gewesen.

Mir wurde kotzübel. Nicht, weil ich tatsächlich brechen musste, sondern vor Panik. Ich machte mich für die Arbeit fertig und durchforstete das Internet nach Hilfsangeboten. Ich wusste, was ich von den seltsamen Seiten der ProLeben-Leute zu halten hatte und hielt mich davon fern. Ich fand aber auch sonst keine Hilfe. An dem Tag stand ich völlig neben mir. Ich wusste nicht mehr ein noch aus, ich war immer kurz vor einem Heulkrampf. Meinem Mann sagte ich morgens, dass der Schwangerschaftstest, den ich kurz nach dem Aufstehen gemacht hatte, positiv war. Ich musste bis nach der Arbeit warten, bis ich eine Rückmeldung lesen konnte. Das waren unfassbar schlimme Stunden.

Er unterstützte mich wo er konnte. Wir waren uns im klaren, dass wir dem Kind kein gutes Leben bieten konnten, wenn wir es auf die Welt brächten. Ich war kurz vor dem Ende meiner Ausbildung, hätte aber vorher abbrechen müssen, weil ich die im Handwerk geltenden Regeln hätte befolgen müssen und da hätte ich meine Gesellenprüfung nicht absolvieren können und somit keinen Abschluss gehabt und damit nicht arbeitsfähig in meinem Job.

Ich fühlte mich furchtbar. Ich weinte das ganze Wochenende und sagte nur meinem besten Freund Bescheid. Der vermittelte mich an eine Bekannte, die ebenfalls schon einen Abbruch durchgemacht hatte und andere Frauen dabei begleiten konnte und wollte. Die verwies mich an die AWO und gab mir Tipps.

Die folgende Woche arbeitete ich wie gewohnt, meldete mich allerdings bei der AWO und vereinbarte einen Termin.
Bei dem Termin kam ich mir erst blöd vor. Die Frau zeigte aber Verständnis und drängte mich nicht, meine Entscheidung des Abbruchs zu überdenken. Sie hörte sich alle meine Gedanken an und gab mir dann eine Liste mit Frauenärzten, die den Abbruch durchführten. Die erklärte mir die Sachlage und mir wurde die Tücke bewusst, die der Gesetzgeber geschaffen hatte. Ich fühlte mich erleichtert, dass ich Hilfe hatte. Aber was war mit den Frauen, die nicht so viel Glück hatten?

Mein Kopf war gefüllt mit Watte. Ich rief bei einem Arzt an und wir machten kurzfristig einen Termin fest. Die erneute Beratung machte mich richtig fertig, denn dann musste ich wieder 3 Tage warten. Warum denn warten??? Ich wollte sofort Hilfe! Ich wusste, was ich wollte! Ich wollte diesen unverzeihlichen Fehler rückgängig machen und nicht weit er darüber nachdenken müssen!! Ich weinte wieder, ich wurde krank geschrieben.

Ich wurde untersucht und dabei stellte der Arzt fest, dass ich in der 2. Woche war. Da immer vom Zyklusanfang gemessen wird, war ich demnach in der 4. Woche. Ich bekam ein Lob, dass ich meinen Körper so gut kenne, dass ich in dieser frühen Phase schon was bemerkt hätte. Ich bezeichnete die Eizelle in mir als Zellhaufen. Mehr war es nicht. Zumindest für mich. Es war ein 1 cm großer Zellhaufen, der erst in ein paar Wochen zu einem Embryo würde.
Ich hatte die ganze Zeit Angst. Dass der Arzt mich verurteilt. Dass er mir das sagt. Dass er einen Rückzieher macht.
Doch so war es nicht. Ich bekam Tabletten, weil die absaugung zu gefährlich gewesen wäre. Die sollte ich zuhause nehmen.

Ich nahm die Tabletten. Erst die, die die Zellteilung stoppen und die mehrfach geteilte Eizelle töten würde. Danach die, die die Wehen zum Abstoßen der Eizelle und Schleimhaut einleiten würden.
Ich nahm die zweiten Tabletten morgens und dachte, dass ich noch etwas Zeit hätte für Gedanken, was ich da gerade tat. Oder einen Tee. So viel Zeit hatte ich nicht mehr. Ich brach im Flur zusammen und hatte die schlimmsten Krämpfe, die ich jemals erlebt habe. Regelschmerzen sind dagegen ein scheiß!

Mein Mann fand mich kurz vorm Wohnzimmer, stoßweise atmend, auf Knien nach vorne auf Ellbogen gelehnt. Er gab mir die starken Ibuprofen, die ich verschrieben bekommen hatte und trug mich auf die Couch. Er pflegte mich den ganzen Tag, war bei mir und wischte mir die Tränen weg. Ich weinte, wenn die Krämpfe kamen. Ich war völlig betäubt, wenn das Schmerzmittel wirkte. Mein ganzer Körper war betäubt, nur mein Unterleib glühte.

Ich weiß nicht mehr, wie lange alles dauerte. Ich glaube, vorbei war es nach mehreren Tagen. Da flutschte ein großes Stück stark durchblutete Schleimhaut aus mir raus. Darauf war die Eizelle zu sehen. Ich hatte das Ganze in der Binde und konnte und wollte es genau betrachten. Es fühlte sich völlig absurd an. So einfach war das vorbei? Das bisschen Schleim war alles, was ein neues Leben geworden wäre? Durch die Betäubung der Schmerzmittel brannten Schuldgefühle.
Vielen erzählte ich nichts davon oder sagte, ich hätte eine Zyste gehabt.

Den wenigen, denen ich das erzählte, nahmen mich in den Arm und zeigten Verständnis, spendeten Trost.
Monatelang war ich immer wieder wie betäubt und erst nach über einem Jahr wurden die Schuldgefühle weniger. Wenn ich besser aufgepasst hätte, wäre es nicht passiert. Wenn ich nicht die Pille abgesetzt hätte, wäre es nicht so weit gekommen.

Ich bin immer noch beim gleichen Arzt. Er war mir sehr sympatisch und hat mich nicht verurteilt. Das hat viel geholfen. Mehr, als ich mir hätte vorstellen können.

Ich sehe die Welt jetzt ein bisschen anders. Und ich erzähle meine Geschichte offen. Damit es anderen Frauen hilft.

Liebe Grüße und bleibt in Zeiten wie diesen gesund.
Lovis