Abtreibungsgeschichte #9: Die Uhr tickt

Die Uhr tickt.
War heute arbeiten. Meine Periode blieb aus. Habe schlecht geschlafen.
Bin auf dem Weg zur Arbeit bei der Apotheke vorbeigefahren,
nahm mir dort einen Schwangerschaftstest mit.
Hab den Test in der Mittagspause gemacht.
Er ist positiv.

Die Uhr tickt.
Meine Gedanken rasen, wem soll ich es sagen? Kann ich es überhaupt
wagen?
Mein Arbeitskollege fragt, ob alles gut sei.
Ich nicke, lächle und tue so als wäre nichts.

Die Uhr tickt.
Endlich fertig mit der Arbeit, gehe heim.
Zu Hause angekommen bin ich alleine, stelle mir tausend Fragen;
Kann ich mir ein Kind leisten?
Möchte ich ein Kind und wie wird sich mein Leben dadurch verändern?
Wird mich mein Umfeld unterstützen?
Wie wird der Vater des Kindes reagieren?

Die Uhr tickt.
Mein Leben aus allen Fugen geraten, wie soll ich es wieder gerade
richten und ertragen?
Laptop an, Finger fliegen, suche das Wort Abtreibung im Internet.
Die ersten 20 Treffer wollen mit Schockbildern und Beleidigungen meine
Entscheidungsfindun ins Wanken bringen.
Suche Rat, finde keinen.
Irgendwo zwischen wütend und traurig bin ich angepisst.

Die Uhr tickt.
X kommt nach Hause. Kann es kaum ansprechen, tue es doch.
X ist bestürzt, ratlos, bietet die Unterstützung an.
Auch als ich sage, das ich es nicht behalten will,
das ich die Schwangerschaft abbrechen werde.
Wir entscheiden uns.

Die Uhr tickt.
Am nächsten Tag greife ich zum Telefon, rufe meine Frauenärztin an,
Termine kaum zu kriegen, der Kalender wie immer voll.
Knapp zwei Wochen vergehen, jetzt sitze ich bei ihr, X neben mir.
Jetzt hab ich die Gewissheit und auch einen Plan,
7. Woche und die Adresse von der Klinik schon fast in der Hand.
Doch sie lässt nicht locker, durchleuchtet mich, will alles wissen.
Jeder Lebensumstand wird unter die Lupe genommen.
Am Ende fragt sie mich, ob ich nicht doch einen Mutterpass mitnehmen
möchte.

Die Uhr tickt.
Es gibt zwei Möglichkeiten, die Schwangerschaft zu beenden.
Mir bleibt nur die operative Variante, da der medikamentöse Abbruch in
meiner Stadt von keiner Ärztin durchgeführt wird.

Die Uhr tickt.
Dann steht das Beratungsgespräch an, auch hier wieder warten, Tage
vergehen, bis ich einen Termin bekomme.
Ohne Gespräch kein Abbruch.
Immer deutlicher spüre ich wie sich mein Körper verändert.
Meine Haut wird weicher, Kopfschmerzen sind mein Dauerbegleiter, alles schmeckt anders und ich beuge mich jeden morgen zum kotzen über die Kloschüssel.
Ich verstecke mich. Vor mir selbst. Und meinem Umfeld.

Die Uhr tickt.
Ich nehme mir frei, mein Chef ist genervt, wirft mir geistige Abwesenheit vor.
Das Beratungsgespräch ist nicht wie erwartet, sie versuchen mir gut zuzureden,
finanzielle Aspekte detailliert aufzuschlüsseln.
Ich bleibe bei meiner Entscheidung.

Die Uhr tickt.
Ich brauche einen Kostenübernahmeschein von der Krankenkasse.
Dort angekommen erläutere ich mein Vorhaben.
Die Frau am Schalter schaut mich vorwurfsvoll an und sagt, ich bin zu
spät dran.
Ich muss den Abbruch selbst zahlen. Scheiße.
Wie zahle ich denn dann meine Miete?
Bin verzweifelt.

Die Uhr tickt.
9. Woche und ich habe einen Termin in der Klinik zur Voruntersuchung.
Mir laufen die Stunden davon.
Alles ist routiniert, ich bekomme einen Operationsbogen in die Hand gedrückt,
mir wird im Schnellverfahren der Ablauf erläutert;
Sie fragen mich was mit dem Embryo danach geschehen soll.
Will ich ihn selbst beerdigen?
Es wird mir gesagt, mich muss danach jemand abholen.
Ich unterschreibe, stelle keine Fragen mehr, ich will hier nur noch raus und weg.

Die Uhr tickt.
Die kommenden Tage überlebe ich einfach nur.
Tagtäglich muss ich mich rechtfertigen, oder habe das Gefühl, das ich es muss.
Woche 10.
Heute ist es soweit. Ich gehe mit meiner besten Freundin frühstücken.
Sie will mich auf andere Gedanken bringen, sie schafft es nicht.

Die Uhr tickt.
Ich fahre in die Klinik. Dort wieder warten.
Ich habe das warten satt, widerstehe ein letztes Mal dem Drang, wegzulaufen.
Werde endlich aufgerufen, bekomme ein OP-gerechtes Kleidchen.
Im Mehr-Bett-Zimmer liege ich nun, bekomme muskellockernde Medikamente,
bis ich ohne Ankündigung von einer Schwester zum Anästhesisten gebracht werde.
Als ich wieder aufwache bin ich verwirrt, brauche Minuten wieder zu mir zu finden.
Ich werde abgeholt, draußen scheint die Sonne und alles ist wie immer.

Fast, denn es gibt immer noch Menschen, die denken,
das Informations-/Werbeverbot über Schwangerschaftsabbrüche trage zu einer für mich leichteren Entscheidungsfindung bei.

Die Uhr tickt, denn die Zeit ist reif für Veränderung!