Abtreibungsgeschichte #8: Karl-Uwe

Hier ist meine Geschichte. Ich lebe, und ich lebe gut mit ihr! :)
Ich habe schon ein Kind. Meine erste Schwangerschaft habe ich als nicht schön empfunden. Ich fühlte mich seitens Ärzte und Familie entmündigt und auf einen reinen Geburtskanal reduziert. Ich habe in meinem Leben Missbrauchserfahrung gemacht und tue mich sowieso schwer mit Gyn-Besuchen. Als Mensch von ärztlicher Seite auf die Schwangerschaft reduziert zu werden fühlte sich schrecklich an. Hinzu kam, dass ich bis in den 8. Monat mich täglich übergeben musste und seitens der damaligen Frauenärztin ein joviales “da müssen Sie wohl durch” bekam, anstatt Hilfe. Die ersten Babyjahre mit meinem Sohn waren ein ambivalentes Jonglieren zwischen tiefer Depression und Einsamkeit bei gleichzeitig brennender Liebe und massiven Schuldgefühlen gegenüber meinem Sohn.
Als ich 2009 ungewollt schwanger wurde, war mein Sohn schon elf Jahre alt. Ich hatte eine Scheidung hinter mir und einen neuen Partner, der mitten in seinem Studium steckte. Ich selber befand mich grade in einer depressiven Episode, war aber eigentlich grundsätzlich mit meinem momentanen Leben ganz glücklich. Meine Schwangerschaft entdeckte ich sofort bei Ausbleiben der Regel am ersten Tag und ich wusste ziemlich gleich: Ich will nicht wieder bei Null anfangen! Mein Partner signalisierte mir, dass er hinter jeder Entscheidung stünde und den Weg mit mir zusammen geht, wo auch immer ich hin will. Wir weinten viel. Alle beide.

Mein erster Termin in der schicken Designpraxis meiner Frauenärztin, die Wände vollgehängt mit glücklichen Babys und Schwangeren, gestaltete sich zu einer echten Eisdusche. Vorher hatte ich diese Ausstattung nie wahrgenommen, jetzt gingen mir all die Pastelltöne und rosige Haut auf den Nerv. Die Sprechstundenhilfe fragt mich bei der Datenaufnahme, wie ich verhütet habe. Ich sagte “symptothermale Methode”. Sie nickte und kreuzte “keine Verhütung” an… Bei meiner Ärztin die gleiche Frage, ich wiederholte meine Antwort. Meine Ärztin sagte, das wäre keine Verhütungsmethode und blickte mich eisig an. Ich sagte, dass ich die Pille nicht vertrage und dass ich mit der sM erfolgreich seit 10 Jahren verhüten würde. Dies sei auch der Grund, dass ich selbst in diesem frühen Stadium sofort von der Schwangerschaft gewusst hätte.
In meiner Welt ist eine zweiwöchige Schwangerschaft (also wenn man ab der Befruchtung 14 Tage seit dem Eisprung rechnen würde) erst mal vor allem ein befruchtetes Ei, das sich zu teilen begonnen hat. Jeder Schwangerschafts-Tag ist somit für mich einer zu viel. Und ich dachte es sei darum von Vorteil, dass ich so derart früh Bescheid wüsste und es gäbe vielleicht eine Tablette, mit der ich das Wachstum dieses ersten kleinen Zellhaufens schnell wieder unterbrechen kann. Ich musste lernen, dass es der Welt völlig egal ist, wie weit ein Leben sich entwickelt. Hauptsache die Frau gebärt. Und wenn nicht, dann soll sie (und dies bitte unter Schmerzen) möglichst spät abtreiben.
Ich wusste damals kaum etwas über die gesetzlichen Abläufe bei Abtreibungen und ich dachte, ich wäre bei meiner Frauenärztin in Sicherheit und gut aufgehoben. Ich dachte, ich könne ihr vertrauen. Ich wurde eines anderen belehrt. Ihre Missbilligung angesichts meines “Fehltrittes” kam sofort und ganz klar rüber. Auch eine Abtreibung würde bei ihr nicht gemacht. Sie mache “so etwas nicht”, sagte sie. Erst müsse ich eine Pflichtberatung bei einer entsprechenden Stelle absolvieren und dann müsse ich mir entsprechende Ärzte, die abtreiben, raussuchen. Im 500.000 Einwohner-starken Karlsruhe gab es 2009 grade mal zwei Praxen. Deren Adressen drückte mir die Sprechstundenhilfe beim Verlassen der Praxis in die Hand. In tiefer Verzweiflung fuhr ich heim.
Durch die symptothermale Methode kannte ich meinen Körper eigentlich sehr gut und spürte diese Schwangerschaft darum sehr genau. Ich wollte nicht schwanger sein. Diese Schwangerschaft hier fühlte sich falsch für mich an. Mein moralischer Kompass sagte mir außerdem, wenn ich eine Schwangerschaft nicht will, dass ich sie möglichst früh abbrechen sollte. Die Zeit tickte also emotional für mich, denn mit jedem Tag mehr etablierte sich etwas in mir, das ich nicht wollte. Aber dieser Tag war nun vorbei, verschleudert, und ich konnte nicht mehr um weitere Termine telefonieren.
Nächster Tag: Ich recherchierte und telefonierte, obwohl ich doch eigentlich lieber zur Ruhe gekommen wäre, um emotional wieder etwas stabiler zu sein. Bei ProFamilia bekam ich einen Termin in der nächsten Woche. EINE ganze weitere Woche schwanger sein! Ich saß zuhause und heulte. Aus Wut! Und aus Verzweiflung.
Mein damaliger Freund und ich hielten fest zusammen. Wir besitzen beide eine große Portion schwarzen Humor und nannten den Nicht-Nachwuchs “Karl-Uwe”, um den Schrecken und den Schmerz ein wenig zu mindern. Unseren Familien sagten wir nichts. Wir sagten sowieso kaum jemandem etwas von unserer Situation aus Angst, bewertet und emotional belastet zu werden. Es war eine extrem einsame und düstere Woche.
Als mein Termin bei ProFamilia endlich heranrückte, hatte bei mir die Wut über die Trauer gesiegt. Wut zu einer Wartezeit gezwungen zu werden, obwohl ich genau weiß was ich will. Wut, wieder zu einer Gebährmaschine degradiert zu werden. Wut gezwungen zu werden, einer wildfremden Person Dinge über mich erzählen zu müssen, die sie einen Scheiß angeht! Ich betrat das Beratungszimmer mit dem festen Vorhaben, so wenig wie nur möglich zu sagen und ansonsten eisern zu schweigen. Ich glaube, die Beraterin erkannte sofort meinen Zorn. Und das ist eines der wenigen Dinge, für die ich heute noch dankbar bin. Sie war wirklich neutral, fragte ob ich mich entschieden hätte und erzählte mir nach meinem “Ja” dann eigentlich nur noch Kram, den ich selber schon in dieser lange, schrecklichen Woche selbständig recherchiert hatte. Und dann hatte ich endlich meinen Wisch…
War ich jetzt durch? Kam jetzt die Tablette? Nein. Erst musste ich zurück zu meiner Frauenärztin um die Schwangerschaft NOCHMALS bestätigen zu lassen und mir eine Überweisung zu einem anderen Arzt, der Abtreibungen vornimmt, geben zu lassen. Dieser Tag war also verloren. Ich konnte am nächsten Tag wieder telefonieren und um einen Termin betteln.
Ich weiß nicht wie viele Tage ins Land gingen, wie groß Karl-Uwe schon geworden war, bis ich endlich auf dem Gyn-Stuhl meiner Frauenärztin die Beine breit machen durfte. Sie bestätigte mir die intakte Schwangerschaft, fragte mich NOCH mal, ob ich mir wirklich sicher sei fuck you! und dann spielte sie mir die Herztöne von Karl-Uwe vor…
Ich danke meiner Resilienz!!!
Ich gehöre, trotz diagnostizierter Depression, zu den Menschen, die sich manchmal selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen können. Ich weiß dass dies keine Stärke ist, sondern nur einfach unfassbares Glück!
Ich verließ diese Scheiß-Praxis ohne die Ärztin ermordet zu haben und ohne selber aus dem Fenster zu springen. Ich weiß nicht, ob das eine Meister*innen-Leistung ist, könnte schon sein.
Tag vorbei, wieder warten. Karl-Uwe wuchs. Der Herzschlag hallte nach, aber ich hatte mich innerlich verabschiedet. Von den Träumen, von allen Konjunktiven, von dem was sein könnte. Ich wollte einfach nur noch abschließen (dürfen). Wieder telefonieren. Wieder ein Termin, wieder warten. Tage vergehen, Karl-Uwe wurde größer. Ich hatte Heißhunger auf Lasagne.
Dann in einem rappelvollen, fremden Wartezimmer. Um mich herum lauter graue, traurige Frauen. Ich sah sie verstohlen an, dachte mir “Habt ihr eine ähnliche Geschichte? Wer seid ihr?” Nach drei Stunden Wartezeit (und diese Wartezeit ist dort üblich, weil – ich erinnere – nur zwei Ärzte für 500.000 Einwohner…) durfte ich rein zu diesem fremden Frauenarzt. Hinter dem Tisch saß ein kleiner, untersetzter Mann mit Vollbart und Brille. Und er lächelte mich einfach an und sagte “Gut das Sie da sind, wie geht es Ihnen?”. Und ich antwortete “Sehr, sehr schlecht..”. Und dann musste ich mich setzen und weinen, denn dies war seit Wochen der erste Mensch, der ein warmes Herz besaß und der (neben meinem Freund) tatsächlich MICH fragte, wie es MIR denn eigentlich geht! Keine Fragen mehr um meine Entscheidung zu hinterfragen. Und ich wusste, dass ich angekommen und jetzt in Sicherheit war.
Ich hatte mich für die medikamentöse Methode entschieden. Trotzdem ich so früh von meiner Schwangerschaft gewusst hatte, war doch enorm viel Zeit ins Land gegangen durch die Arzt- und Beratungsrennerei. Noch mehr Zeit und es wäre für diese Methode zu knapp gewesen. Ich hätte auf den Stuhl gemusst und hätte Menschen zwischen meinen Beinen herumwerkeln lassen müssen. Das wollte ich (siehe Hintergrundgeschichte) auf keinen Fall. Ich wollte eigenverantwortlich ein Medikament zu mir nehmen und aktiv ohne Narkose spüren, was in mir geschieht.
Die Medikamenteneinnahme sah zwei Termine vor: Eine erste Tablette und eine zweite zwei Tage später, um die Abbruchblutung zu unterstützen. Ich bekam die erste am Freitag und sollte am Montag wieder kommen. In der Nacht von Freitag auf Samstag lag ich im Bett neben meinem Freund und weinte, weil ich glaubte das Leben in mir sterben zu fühlen. Vielleicht war das so, wer weiß. Es war ein letztes heftiges Aufbäumen der Trauer. Und dann war dieses Gefühl vorbei. Es waren die letzten Tränen, die ich wegen dieser Schwangerschaft weinte.
Ich hatte eigentlich vor, Karl-Uwe in einer Streichholzschachtel an einem hübschen Ort zu begraben. Ich dachte mir, man müsse ihn irgendwie wohl erkennen können. Tatsächlich aber saß ich am nächsten Tag mit einem guten Freund in einem Café und merkte von einer Minute auf die andere, dass etwas in mir geschieht, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt (es sollte ja noch die zweite Tablette am Montag geben) nicht gerechnet hatte. Ich rannte auf die Café-Toilette. Ich muss gestehen: Karl-Uwe ist in der Kanalisation des Karlsruher Ring-Cafés verschwunden. Ich saß da noch in dieser kleinen Klo-Kabine auf dem Boden, die Arme bis zu den Ellenbogen mit Blut verschmiert – so viel Blut! Aber kein Karl-Uwe. Er muss wirklich, wirklich winzig gewesen sein… Das Klo sah aus, als wäre grade jemand geschlachtet worden. Nach einer Putzaktion mit exzessivem Einsatz von Klopapier wankte ich zurück an den Café-Tisch. Kreislauf ganz okay, nur ziemlich erschrocken…
Die zweite Tablette war nicht mehr nötig, wie ein Check meines neuen und herzensguten Frauenarztes (er begleitete mich später noch durch eine Krebsepisode) zwei Tage drauf bestätigte. Ich und mein Körper hatten sich von Karl-Uwe gelöst.
Ein paar Wochen später besuchte ich in Heidelberg Von Hagens “Körperwelten”, die dort zu der Zeit gastierten. Speziell die Vitrine mit den Embryonen und Föten interessierte mich sehr. Ich stellte fasziniert fest, dass Karl-Uwe eine kleine Miniminibohne gewesen war, fast wie ein Cocktailshrimps und ebenso rosig, nur echt vieeel kleiner. Und dann drehte ich mich um und ging zur nächsten Vitrine der Ausstellung.
Dieser Abschnitt, diese paar Wochen in meinem Leben haben mich mit einer verstärkten Empathie gegenüber anderen ungewollt Schwangeren ausgestattet. Vorher war das für mich ein Thema, das irgendwie immer andere betraf. Und dann erwischte es mich eiskalt. Ich bin froh-nicht-froh über diese Erfahrung. Ich bin heilfroh, diese Schwangerschaft nicht ausgetragen zu haben. Auch wenn die Liebe damals wirklich sehr groß war – ich hätte mit der Situation nie wirklich ins Reine kommen können und ich hätte immer gehadert. Genau das tue ich jetzt nicht. Manchmal denke ich noch an dieses kleine Shrimpsding in der Vitrine. Und dann lächle ich erleichtert. Und lebe. Und mache Kunst. :)
Birte