Abtreibungsgeschichte #7: Ich bin sonst wirklich gut strukturiert und organisiert, aber hier war ich echt unter Druck.

my choice.
Wie es vor fast 10 Jahren dazu kam, ist erst einmal egal, die Geschichte ist auch zu absurd. Wichtig ist nur, ich wollte diese Schwangerschaft nicht, habe sie befürchtet und mir sofort Tests gekauft. Am erstmöglichen Tag (nach zwei unerträglichen Wochen) hab ich direkt zwei Tests parallel durchgeführt, beide bestätigten meine Befürchtung und ich begann meine Internetrecherche. Klar hatte ich mich mit dem Thema der Schwangerschaftsunterbrechung beschäftigt, aber ich selbst? Jetzt betroffen? Mega peinlich!
Kinder ja, aber nicht diese Schwangerschaft.
Nachdem ich auf unzählige gruselige Websites von Abtreibungsgegner*innen stieß und dort teils amüsiert, teils erschüttert herumstöberte, stellten sich für mich dramatische Erkenntnisse in den Vordergrund

1.) die nächsten Wochen müssen wahnsinnig gut organisiert werden: Termin Gyn erst in Woche 7(!!!!!!!!) möglich, Termin Beratungsstelle besorgen, dann wieder warten, Gyn finden für Abbruch, Methode besprechen, Kostenzusage der Krankenkasse besorgen, Abbruch durchführen – nur 4 Wochen Zeit quasi – nebenbei Abschlussarbeit schreiben. Aber hey, no pressure!

2.) es gibt keine Beratungsstelle von profamilia in Dresden. Es gibt fast nur kirchliche Beratungsstellen.

3.) Es gibt keine seriöse Liste mit Frauenärzt*innen, die Unterbrechungen durchführen. Das Wissensmonopol liegt bei den Fundis. NIEMAND scheint solidarisch mit Menschen wie mir.

4.) meine Gynäkologin schoss den Vogel ab, ich wechselte danach auch zu einer tollen Gyn. Auf meine Vermutung, schwanger zu sein, fragte sie „Und, Kinderwunsch?“ – Ich so : „Öhm, nein.“, darauf nur ein missbilligendes Ausatmen, sie macht den Ultraschall, sagt „Hier sind die Herztöne.“ Toll, danke für die Vorwarnung, nicht. Naja, so einfühlsam ging es auch zu Ende, keine Wesentlichen Infos, nix.

5.) Leute, ich bin sonst wirklich gut strukturiert und organisiert, aber hier war ich echt unter Druck und ich wage mir nicht auszumalen, wie das aussieht, wenn du Kinder hast, dich vor einem Partner/Eltern erklären musst, nicht in der Großstadt wohnst, 9 to 5 arbeitest oder aber einfach weniger gut strukturiert bist und keine Unterstützung hast.
Die hatte ich zum Glück. Ich weiß noch sehr genau, wie unendlich dankbar, berührt und glücklich ich war, dass meine Freundinnen sich meine Story anhörten und bedingungslos zu mir hielten, mir von Anfang an die Gewissheit gaben, für mich da zu sein, mich nicht zu verurteilen. Seltsamerweise ruhte ich aber auch von Anfang an in mir, wusste ich doch, dass ich dieses Kind nicht will. Einzig nervtötend war, neben den Terminen, was mein Körper tat, der mir plötzlich so fremd war und von dem ich fürchtete, er würde mich verraten.
Der Gynäkologe, zu dem ich dann ging, war super nett und der Abbruch an sich sehr unkompliziert, im Internet konnte ich vorher genug zu den Medikamenten und ihren Wirkungen lesen, eine Freundin begleitete mich zur Praxis. Danach war ich allein, nahm in Ruhe Abschied und hatte das Gefühlt es tut mir gut, diesen Embryo einfach so loszuwerden, ohne OP, sondern „aktiv“.

6.) das Beratungsgespräch: die AWO-Mitarbeiterin war sehr nett, die Situation aber wirklich dermaßen absurd, denn welches Recht hat diese Person überhaupt (trotz des anonymen Charakters des Gespräches), mich über das Zustandekommen, meine Lebensumstände oder sonstwas zu befragen – natürlich entwischt ihr auch eine ethisch-moralische Wertung als ich wegen ihrer bohrenden Nachfragen und Hinweisen auf mögliche Unterstützungsangebote meine Geschichte und das Dilemma schließlich doch Stück für Stück erzähle. Ihr wird klar, das sich das alles wohl überlegt habe, mich widert es an, mich als erwachsene, mündige Person so erklären zu müssen. Als bräuchte ich ihre Zustimmung, als wüsste ich nicht selbst, was gerade am besten für mich ist. Als wäre es nicht fair, einfach die Wahl zu haben und so zu entscheiden. Mir tut die Beraterin leid, als ihr die Komplexität meines Falles klar wird und sie mich ungläubig anschaut, ihr Mitgefühl kann ich nicht brauchen. Ich brauch diesen Schein.