Abtreibungsgeschichte #5 – Ich habe Verantwortung mit dieser Entscheidung übernommen.

In meinem privaten Umfeld wissen die meisten, dass ich damals abgetrieben habe. Ich habe immer hinter dieser Entscheidung gestanden und würde definitiv genauso handeln, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte. Allerdings würde ich anders handeln, wenn ich sie noch weiter zurückdrehen könnte. Nämlich zu jenem Abend, an dem ich schwanger geworden war.

Damals war ich gerade mal neunzehn Jahre alt, arbeitete als AuPair in den USA und meine Gastfamilie machte mal wieder ohne mich Urlaub – diesmal in Disneyworld. „Wir dachten, du magst sowas nicht“, waren die Worte, die sagten, dass sie mich nicht dabei haben wollten.
Mein Ami und ich hatten einen romantischen Abend, er war erst mein zweiter Freund gewesen, ich war an Unsicherheit und Unerfahrenheit kaum zu überbieten gewesen. Ich hatte damals ständig Streit mit meiner Gastmutter, weil ich in ihren Augen nichts richtig machen konnte. Als sie dann anrief, führte ich ein schwieriges Gespräch, weil sie nicht wissen durfte, dass ich Besuch hatte, während mein Freund einfach weitermachte. Ungeschützt.

Als dann Wochen später die Periode ausgeblieben war, wusste ich, dass ich den Hauptgewinn gezogen hatte.
Ich suchte aus dem Telefonbuch den erstbesten Gynäkologen aus. Vorher bin ich noch nie bei einem gewesen.
Dr. Gould. Ein Arzt, der jüdische Deko in seinem Behandlungszimmer hatte und auf Deutsche nicht so gut zu sprechen gewesen war. Ich weiß noch, wie ich mit Weltuntergangsstimmung das Gebäude verlassen hatte, ich dachte, ich sei der allerletzte Dreck, zu dumm für diese Welt und die Wertlosigkeit auf zwei Beinen. Dann kam mir eine alte Frau wie ein Engel entgegen. Sie strahlte übers ganze Gesicht und nahm im Vorbeigehen meine Verzweiflung mit. Anders kann ich das nicht beschreiben.
Ich fuhr also zurück, ließ mir nichts anmerken, informierte meinen Freund und vereinbarte einen Termin in einer Abtreibungsklinik. Bis zum Termin gab es jede Menge Stress. Die Schwangerschaft vor meiner Gastfamilie zu verheimlichen war nicht so schwierig, aber mein Freund stritt mit mir nahezu jeden Tag. Es sei auch sein Kind, ich müsse ihn heiraten und in die USA ziehen, ich sei schon die vierte, die eigenmächtig diese Entscheidung träfe …
Alles, was ich wusste, war, dass ich keine Ausbildung hatte, er in einem versifften Zimmer in einer WG lebte, wir weder Geld noch eine gemeinsame Zukunft hatten, weil wir ständig stritten, er auch nicht der Typ war, der treu sein wollte, und das Kind zu kriegen schlicht und ergreifend falsch gewesen wäre.
So fuhr er mich widerwillig an jenem Tag in die Klinik und anschließend zu Freunden. Ich saß zwischen anderen Frauen, die teils weinten, und fühlte nur, dass es das Richtige war. Ich musste meinen Monatslohn dafür zusamenkratzen.
In dieser Klinik hatte ich absurder Weise eine schöne Zeit, weil ich erstmals wieder Menschen begegneten, die mich verstanden hatten, die mir sagten, dass ich tapfer sei, und die Mitgefühl zeigten. Mir wurde das Prozedere erklärt, dann bekam ich ein Beruhigungsmittel und die Beraterin hielt die gesamte Zeit meine Hand. Ich weiß noch, dass es sich anfühlte, als würde jemand in mich hineingreifen und mir die Eingeweide herausreißen. Ich sah das Blut in den Bottich fließen und hielt das alles aus ohne Reue. Anschließend bekam ich Einlagen für die Nachblutungen, Kekse und was zu trinken.
Als mein Ami mich wieder abholte, erzählte er mir, was für einen tollen Tag er gehabt hatte. Er hätte bei einem Computerspiel brilliert und so einen Spaß gehabt.
Wir fuhren in dem großen Transporter zum Chinesen, wo er was zu essen rausholte. Mir wurde schlecht, ich stieß die Tür auf und übergab mich vor den Schaufenstern des Lokals auf den Parkplatz. Mein Ami lachte, weil es den Ausdruck „She tossed the cookies“ fürs Kotzen gab.
Dann fuhren wir zu ihm, aßen und anschließend wollte er nur kurz in die Innenstadt fahren, um sich einen Jeep anzuschauen. Stunden später kam er aufgekratzt zurück. Er hatte so viel Spaß mit den Leuten und den Jeep habe er auch gekauft, wir müssten nur noch mal los, um ihn abzuholen. So fuhr ich mit ihm nach Washington D.C. ich erinnere mich nicht an die Leute, an die Schlüsselübergabe oder den Weg. Ich weiß nur, dass ich diesen riesigen Van zurückgefahren bin, damit mein Ami mit seinem neuen Jeep fahren konnte. Da bemerkte ich erstmals, dass ich eine Brille brauche.

Wer über Abtreibungen redet, als wäre das etwas, das man eben mal im Vorbeigehen erledigt, hat keine Ahnung, wovon er oder sie da spricht, oder wie stark Frauen sein müssen, um das über sich ergehen zu lassen. Nur, weil ich diese Entscheidung nicht einen Tag in meinem Leben bereut habe, bedeutet das nicht, dass diese Erfahrungen spurlos an mir vorbeigegangen sind. Ich habe mich nicht gegen das Kind entschieden, sondern gegen eine ewige Verbindung zu diesem Mann, gegen drei Leben, die durch die Geburt sehr schwierig geworden wären. Gegen den falschen Weg ohne die Ausbildung, die ich machen wollte. Gegen die viel zu frühe Mutterschaft. Ich habe Verantwortung mit dieser Entscheidung übernommen. Und wenn ich heute, 25 Jahre später meine Familie anschaue, weiß ich, dass ich richtig gehandelt habe. Es geht nicht immer darum, ob man das Kind geliebt hätte oder nicht, sondern ob man sich selbst noch hätte lieben können, wenn man alles hätte aufgeben müssen, was einen zu einem fertigen Menschen hätte machen sollen. Mit neunzehn bin ich noch lange kein fertiger Mensch gewesen, wie hätte ich da Mutter sein sollen? Und das nicht mal, weil ich unvorsichtig gewesen war, sondern weil er weitergemacht hat, als ich nicht Nein sagen konnte.

Wer nun denkt, mein Amerikaner wäre ebenfalls ein Neunzehnjähriger gewesen, den muss ich enttäuschen. Dieser Mann war acht Jahre älter als ich. So wirkte er nicht, so handelte er nicht. Dank Facebook weiß ich, dass er bis heute kein erwachsenes Leben führt. Ich habe mit der Vergangenheit abgeschlossen. Ich bin stolz auf mich, weil ich für mich den richtigen Weg gegangen bin. Mein Jahr in den USA hat mich nicht auf einen Schlag erwachsen werden lassen, aber es hat mich geformt und mir gezeigt, wie stark ich sein kann.
Mein Körper, meine Entscheidung!

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