Die zweite Geschichte – “Ich spürte viel Liebe und keinen Vorwurf.”

Es wäre mein drittes Kind gewesen. Alle ungeplant. Alle im Rythmus von drei Jahren. Wie meine große Schwester ihre drei Kinder bekommen hat. Das dritte Kind nun von einer neuen Beziehung. Neue Abhängigkeiten nachdem es so schwer und schmerzlich war, aus den alten heraus zu kommen. Der Vater meiner Kinder mit drei Diplomen. Aber häusliche Gewalt geht durch alle gesellschaftlichen Schichten und niemand ist davor gefeit. Vor allem, weil darüber nicht geredet wird, sich Freundinnen bei Kaffee und Kuchen trösten und sich beistehen, das auszuhalten. Ich fände es fast viel wichtiger, über häusliche Gewalt das Schweigen zu brechen, als über Schwangerschaftsabbrüche… Und nun wieder ein Kind? Jetzt? Wo meine Selbstbestimmung, meine sexuelle Freiheit, mein Leben wieder los geht?

Ich liebe Kinder und ich bin christlich erzogen worden. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass ich ein Recht über meinen Körper habe und nicht schicksalsergeben unglücklich sein muss. Die Frau und ihr Körper sind älter als moralische Vorstellungen der abendländischen Gesellschaft. Und damit meine ich nicht, dass es nichts zur Sache tut, ein empfangenes Kind zu töten. Ich meine damit, dass Geburt und Sterben in den Kreislauf des Lebens hinein gehört. Wenn eine Tiermutter nicht für alle ihre Jungen sorgen kann, frisst sie diese. Auch kein Darwinismus oder Vorrohung treiben mich an, diesen Text zu schreiben. Ich glaube einfach, dass wir Frauen bei Entscheidungen über so gravierende Einschnitte in unsere Leben, wie die Geburt eines weiteren Kindes, die Wahl haben dürfen. Ganz naturgegeben. Ganz gottgegeben. Wichtig dabei ist nicht das Ergebnis der Entscheidung, sondern, dass die Entscheidung sorgfältig getroffen wurde – nach den Bedürfnissen der betroffenen Person ausgestaltet wurde und eine gute Prozessbegleitung am Start ist.
Ich habe Freundinnen, die auch abgetrieben haben und Freundinnen, die die ungeplanten Kinder bekommen haben. Meine Erfahrungen damit zeigen, dass Abtreibungen sehr unterschiedlich auf Frauen wirken. Gerade die Abtreibungen in den 20er haben viel mit Unsicherheit zu tun und entweder die Beziehung geht darüber entzwei oder das Pärchen hat nach einem Jahr einen nun gewünschten Babybauch vorzuzeigen. Dann gab es Abtreibungen, die tatsächlich teils schwere psychische Folgen hatten und soweit ich das einschätzen konnte, lag das an zu viel gesellschaftlichem bzw. familiärem Druck. Es haben sich Menschen in die Entscheidung eingemischt, die damit nichts zu tun hatten und es hat meiner Freundin ein Jahr ihres Lebens gekostet, das zu verarbeiten. Eine andere Freundin erzählte mir, dass frühere Abtreibungen sie einholten, als sie schließlich glücklich verheiratet ihr Wunschkind stillte und sie des nachts von Albträumen heimgesucht wurde. Ich will hier gar keine Schauergeschichten erzählen. Aus den Puzzlestücken, die man kennt, erklärt man sich die Welt. Und meine Erklärung ist, dass Abtreibungen nicht leichtfertig getätigt werden sollten, sondern einen als Frau immer irgendwie berühren. Und ich möchte, dass diese Gefühle auch Platz haben dürfen – es ist unser Körper, ich liebe meinen Körper und möchte nur das Beste für ihn und damit für mich. Die Möglichkeit zur Abtreibung rechtfertigt weder einen leichtfertigen Umgang noch Scham!
Meine persönliche Erfahrung mit der Entscheidung zur Abtreibung war gut. Ich war sehr klar in dem, was ich (nicht) wollte. Mein damaliger Partner hat mich unterstützt und ist jeden einzelnen Schritt mit mir gegangen. Das hatte ich nicht erwartet. Ich war gewohnt, alle Frauensachen allein zu machen. Es tat aber sehr gut und wünsche ich jedem – es muss nicht der Partner sein, eine Freundin oder vertraute Person, kann das auch geben. Mir war wichtig, dass die Abtreibung schnell passiert, am besten bevor das kleine Herz schlägt, also vor der 6. Woche. Warum auch immer, fiel es mir leichter, das Kind in mir dann noch als Zellhaufen zu verstehen. Das ist sicher bei Jedem anders. Ich musste schnell reagieren und wurde bei einigen Beratungsstellen auch abgewiesen, weil für mich das Ergebnis schon klar war. Es war in dem Moment ein bisschen blöd, aber ich kann auch die Menschen verstehen, die wirkliche Konfliktberatung machen und Frauen ermöglichen, nicht nur ihren Verstand walten zu lassen, sondern wirklich tief in sich hineinhorchen zu lassen. Ich bekam auch schnell einen Termin für die ambulante Abtreibung per Pille. In meiner Vorstellung schwirrt die kleine Seele des Kindes schon um mich herum, wenn ich schwanger bin, bis sie Wohnung bezieht. Trotz meiner klaren Entscheidung habe ich auch Respekt vor dem Leben und als ich zwei Tage vor der Abtreibung in der Wanne saß, nahm ich Kontakt auf zu der Seele und erklärte ihr meinen Wunsch nach Freiheit. Die Seele hatte das schon längst kapiert und freute sich einfach über den Kontakt, ich spürte viel Liebe und keinen Vorwurf. Nach der Abtreibung hatte ich das Gefühl, dass das Seelchen mich noch ein paar Monate begleitete, wie ein roter Luftballon, der ganz leicht an einer filigranen Schnur an meiner Schulter hing. Irgendwann löste er sich und flog woanders hin. Wo auch immer das Seelchen sein mag. Ich hab es lieb. Und trotzdem ist alles gut. Ich liebe meine zwei anderen Kinder. Der Mann, mit dem ich die Abtreibung erlebt habe,
ist schon lange nicht mehr in meinem Leben. Ich konnte mein Studium beenden und kann nun unabhängig auf eigenen Beinen stehen. Das ist mir wichtig und macht mich froh. Ein einziger Schatten ist, dass ich diese Erfahrungen zwar nach und nach mit meinen Geschwistern geteilt habe, aber noch nie mit meinen Eltern. Auch wenn wir ein sehr gutes Verhältnis haben, wollte ich es nicht mit ihnen teilen und erklären müssen. Dabei glaube ich nicht, dass sie mich verurteilen würden. Sie wissen, wieviel Arbeit viele Kinder machen. Irgendwann wird der passende Moment kommen. Und – es geht auch nicht alle was an. ;)

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