Gaidao 06/18: KALEB – eine Organisation ostdeutscher Abtreibungsgegner*innen

KALEB ist eine Abkürzung und steht für „Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren“, eine Gruppe von so genannten „Lebensschützer*innen“ (Erklärung zum * siehe Fußnote), so ihre Selbstbezeichnung. Als „Lebensschützer*innen“  bezeichnen sich im deutschsprachigen Raum meist christlich motivierte Abtreibungsgegner*innen. Diese Bewegung entstand in Westdeutschland in Reaktion auf die Liberalisierung des Abtreibungsrechts – ein  (Teil-)Erfolg der Frauen*bewegung. Die Szene der 'Lebensschützer*innen' ist insgesamt aufgespalten in mindestens 60 Gruppen, die sich in Radikalität und Schwerpunktsetzung noch einmal stark voneinander unterscheiden. Das geht bis zu Gruppen wie die Initiative „Nie nieder!“, die Schwangerschaftsabbrüche als „Babycaust“ bezeichnet und Psychoterror gegen Ärzt*innen befürwortet, die Abbrüche vornehmen.

Inhalte von KALEB

Auf den ersten Blick ist KALEB eine Organisation, die vor allem schwangere Frauen* und Frauen* mit Kindern unterstützt, etwa durch die Verteilung von Kleidung oder andere unterstützende Maßnahmen. Tatsächlich ist die Hilfstätigkeit auch ein wichtiger Aspekt in der Arbeit von KALEB. Das zugrunde liegende Motiv jedoch entspringt den eigenen christlich-reaktionären Überzeugungen. Die religiöse Motivation ist von außen nicht immer gleich ersichtlich, aber in den eigenen Schriften wird sie offen verkündet. Etwa im KALEB-Rundbrief 2015: „Darum tut es uns gut, unser Leben mit seinen oftmals bescheiden wirkenden Bemühungen nicht als Nachhutgefechte einer
alten Ordnung zu begreifen, sondern als Vorhut der kommenden Erlösung der geschundenen Menschen. Das Gericht behält Gott sich vor – welche Entlastung für uns! Wir dürfen uns darauf beschränken zu retten, was zu retten ist.“

Aus dieser christlichen Überzeugung wird abgeleitet, dass ab der Befruchtung der Eizelle Leben vorhanden sei, was gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frau* unbedingt 'geschützt' werden müsse. In internen Materialien werden die Abbrüche nach dieser Logik auch folgerichtig als „Mord“ oder „Tötung“ bezeichnet. So hieß es etwa im
KALEB-Sommer-Rundbrief 2014: „Ja, es findet jedes Jahr ein grausames Massentöten auf schrecklich stille Weise statt!“

Diese Verweigerung des Selbstbestimmungsrecht auf Schwangerschaftsabbruch wird nicht selten noch um eine große Portion Homophobie ergänzt. So schrieb etwa im Jahr 2003 der damalige KALEB-Bundesvorsitzende einen
Brief an die BRAVO, in dem er das Dr. Sommer-Team aufforderte, damit aufzuhören Homosexualität als  gleichwertig zu Heterosexualität darzustellen und vorschlug stattdessen lieber „Schwulenheilung“ zu propagieren.

Für ihre antifeministischen Positionen gehen mehrere hundert „Lebenschützer*innen“ alljährlich in Annaberg-Buchholz auf die Straße. An diesen „Schweigemärsche für das Leben“ beteiligt sich auch KALEB. So sprachen etwa als Redner*innen am 14. Mai 2012 in Annaberg-Buchholz neben Steffen Flath (damaliger Vorsitzender der
CDU-Fraktion im sächsischen Landtag), auch Gerhard Steier (damaliger KALEB-Bundesvorsitzender) und Ruthild Kohlmann, Vorsitzende von KALEB in Chemnitz und mutmaßlich Mutter von Martin Kohlmann, der für die rechtspopulistische Formation „Pro Chemnitz“ im Stadtrat sitzt.

Beim 8. Schweigemarsch für das Leben am 12. Juni 2017 in Annaberg-Buchholz sprach neben Hedwig Freifrau von Beverfoerde aus Magdeburg, Veranstalterin der homophoben „Demo für alle“ in Stuttgart, auch Gerhard Steier aus Chemnitz. Steier wurde inzwischen als Geschäftsführer der Geschäftsstelle in Chemnitz von Jörg Weise aus Zwickau abgelöst. Auch an dem ersten „Marsch für das Leben“ 2002 in Berlin war KALEB unter Walter Schrader organisierend beteiligt.

KALEB im Osten

Nach der Vereinigung von BRD und DDR in einem allgemeinen nationalistischen Taumel konnten sich auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Gruppen organisierter Abtreibungsgegner*innen gründen. Die 1990 in Leipzig
gegründete KALEB ist hauptsächlich in den neuen Bundesländern aktiv. Sie ist evangelikal geprägt und Mitglied im Dachverband „Bundesverband Lebensrecht“.
Ihr Ziel ist ein „Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“ - wobei unter letzterem auch jede Form von Sterbehilfe verstanden wird.

KALEB verfügte 2016 deutschlandweit über 37 Regionalgruppen. Neben den KALEB-Regionalverbänden existiert auch noch die Initiative „Teen-Star“, die versucht Jugendlichen mit einer konservativen Sexualpädagogik eine entsprechend konservative Sexualmoral zu vermitteln. Außerdem verfügt KALEB mit „Young and Free Kaleb“
(YAF) über eine eigene Jugendorganisation mit Sitz in Schwarzenberg.

Innerhalb der neuen Bundesländer kann das südliche Sachsen, also das Erzgebirge und das Vogtland als Schwerpunktregion von KALEB gelten. Nicht zufällig wurde 2016 der KALEB-Sitz von Berlin nach Chemnitz
verlagert, dem Tor zum Erzgebirge.

In Chemnitz wurde bereits am 10. März 2017 in der Augustusburger Straße feierlich das „Haus für das Leben“ eingeweiht, dessen Grundstein im Juni 2013 gelegt wurde. In diesem ist der Verein „KALEB Region Chemnitz e. V.“, die Chemnitzer Beratungsstelle und die KALEB-Bundesgeschäftsstelle angesiedelt. Zur Eröffnung gratulierte
auch der CDU-Landtagsabgeordnete Peter Wilhelm Patt, der auch Mitglied von drei katholischen Studentenverbindungen ist.

Die Verwurzelung von KALEB am Beispiel Sebnitz

In Sachsen ist KALEB gut in die regionale Zivilgesellschaft integriert. Ein Beispiel dafür ist Sebnitz. Laut einem taz-Bericht teilt KALEB Sebnitz sich am Marktplatz ein Haus mit dem „Deutschen Roten Kreuz“ und die Stadt zahlt KALEB Sebnitz dem Verein eine „Mietstütze in Höhe von ca. 57 Prozent auf die Gesamtmiete“. Außerdem lieferte
KALEB zusammen mit der Kirche den Hebammen im Klinikum Sebnitz jedes Jahr Geschenkbeutel, die sie an junge Mütter* verteilen - Baby-Utensilien und Prospekte. Erst nach einer Nachfrage der taz hat die Klinikleitung das untersagt. Noch 2014 durfte KALEB seine Termine in einer eigenen Rubrik im Amtsblatt der Stadt Bad Schandau veröffentlichen.

Bis November 2017 war Bernd Katzschner Leiter der KALEB-Ortsgruppe Sebnitz. Der Diplom-Sozialarbeiter war Vollzeit-Mitarbeiter für KALEB, aber angestellt bei der Diakonie in Pirna.Auf dem Sebnitzer Friedhof hat KALEB sogar einen Gedenkstein „an ungeborenes Leben“ errichten lassen.

 

Überschneidungen zur politischen Rechten

KALEB darf als Teil der christlichen Rechten betrachtet werden. Diese weist immer wieder auch personelle und thematische Überschneidungen zur extremen Rechten auf.

Für KALEB engagiert sich beispielsweise auch Hanne Kerstin Götze (* 1960). Die gelernte Diplom-Bibliothekarin ist Autorin des Buches „Kinder brauchen Mütter“, welches 2011 im extrem rechten Ares-Verlag mit Sitz in Graz erschien. Dass sie gelegentlich auch für die neurechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ schreibt, verwundert da kaum.

Am 15. September 2017 referierte sie bei der neurechten „Bibliothek des Konservatismus“ in Berlin zum Thema „Elternbindung statt Krippenplatz – Für eine Willkommenskultur für Kinder“.

KALEB als Ausdruck der (südwest-)sächsischen Verhältnisse

KALEB ist ein wichtiger Baustein im evangelikalen Netzwerk im Erzgebirge und Vogtland. In diesem sächsischen Bibelgürtel existiert im Gegensatz zum restlichen Ostdeutschland eine christlich-konservative Mehrheitsgesellschaft, in der ein starker evangelikaler Flügel auf landeskirchlicher Ebene den Ton angibt. Auf wahlpolitischer Ebene ringen um die Stimmen dieses Klientels AfD und CDU miteinander. Hier wildert die AfD mit ihrer Forderung nach einer „Wilkommenskultur für Ungeborene“ erfolgreich im Revier der rechtskonservativen
Sachsen-CDU.

Dass ein Teil der „Lebensschützer*innen“ sich von der Union weg bewegt, kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass die Aufmärsche in Annaberg nicht mehr von den „Christdemokraten für das Leben“, sondern von dem
parteipolitisch neutralen „Verein Lebensrecht Sachsen“ organisiert werden.

Fußnote: Das Sternchen hinter dem Begriff Frau* soll die soziale Konstruktion des Geschlechts verdeutlichen, das gleiche gilt für Mann*

LESETIPP: Eike Sanders, Ulli Jentsch & Felix Hans: „Deutschland treibt sich ab“. Organisierter »Lebensschutz«, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus, 2014.

 

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